Autistisches Camouflaging

Veasna Roth • 31. August 2026

Durch soziale Interaktion navigieren

Ich frage im Erstgespräch häufig, ob jemand in Gesprächen bewusst darauf achtet, wie er oder sie wirkt. Oft höre ich: „Ja, natürlich. Blickkontakt darf nicht zu lang und nicht zu kurz sein. Ich muss darauf achten, dass ich nicht starre. Mit meiner Mimik und den Kopfbewegungen zeige ich Interesse an der Konversation. Ich passe meine Sprachmelodie an, damit ich lebhafter klinge, und achte darauf, dass mein Oberkörper nicht zu steif aussieht. Und: Auch nach einem kurzen Treffen brauche ich oft eine mehrstündige Pause, in der ich mich komplett abschirme und alles abdunkle.“


In der Forschung heißt dieses Anpassen Camouflaging, in der deutschsprachigen Praxis meist Masking.


Ein Hinweis vorab: Dieser Artikel informiert, er ersetzt keine Diagnostik und keine Psychotherapie. Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (telefonisch: 116 123 oder per Chat). Für Menschen unter 25 Jahren gibt es den Krisenchat. Im Notfall wende dich bitte an die 112.


Drei Unterformen von Camouflaging


Hull und Kolleg:innen (2019) beschreiben Camouflaging in drei Komponenten. Ihr Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q) erfasst Kompensation, Masking und Assimilation. Kompensation meint das aktive Ausgleichen von Herausforderungen, etwa durch das Beobachten anderer im echten Leben oder in Filmen und Serien, um Gesprächsskripte einzuüben. Beim Masking im engeren Sinn geht es um zweierlei: das Verbergen autistischer Merkmale, z. B. indem die Körpersprache kontrolliert wird oder indem Stimming oder andere Verhaltensweisen unterdrückt werden, um sich nicht als autistisch zu outen, und das aktive Darstellen einer nicht-autistischen Persona, also das gezielte Herstellen eines Auftretens, das entspannt und selbstverständlich wirkt. Assimilation meint das Bemühen, sich an die impliziten Regeln einer sozialen Gruppe anzupassen, oft verbunden mit dem Gefühl, eine Rolle zu spielen und nicht man selbst zu sein.


Wie konkret sich das anfühlt, zeigen einzelne Items des Fragebogens.

  • Zur Kompensation gehört etwa: „Ich habe ein inneres Skript für soziale Situationen entwickelt (zum Beispiel eine Liste von Fragen oder Gesprächsthemen).“
  • Zum Masking: „Ich passe meinen Gesichtsausdruck und meine Körpersprache an, um entspannt zu wirken.“
  • Zur Assimilation: „In sozialen Situationen fühlt es sich so an, als würde ich so tun, als wäre ich ‚normal‘.“


Die Studie mit 832 Erwachsenen, davon 354 autistisch und 478 nicht-autistisch, zeigt, dass der Fragebogen zuverlässig zwischen beiden Gruppen unterscheidet. Camouflaging kommt demnach auch bei nicht-autistischen Menschen vor, nur seltener und schwächer. Der Abstand ist allerdings nicht bei allen drei Strategien gleich groß: Bei Assimilation und Kompensation liegen die autistischen Werte weit höher, beim Masking im engeren Sinn ist der Unterschied klein.


Was das Camouflaging kostet


Bradley und Kolleg:innen (2021) haben 277 autistische Erwachsene nach ihren Erfahrungen mit Camouflaging gefragt. Das am häufigsten genannte Wort war erschöpfend, gefolgt von belastend und ermüdend. Manche Teilnehmende berichteten von ganzen Tagen im Rückzug nach einer einzelnen sozialen Situation, andere von Kopfschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden und schmerzenden Muskeln danach.


Camouflaging kostet auch an anderer Stelle: 21 der Befragten beschrieben einen Verlust an Selbstwert und Identität, 17 fühlten sich unecht. Ein Teilnehmer sprach von einem Flickenteppich aus sozialen Rollen statt einer zusammenhängenden Identität. Wer über Jahre hinweg eine Persona aufrechterhalten muss, verliert nach und nach das Gefühl dafür, was man wirklich fühlt und wer man in Wirklichkeit ist.


Camouflaging kann die Diagnostik erschweren, weil „erfolgreiches“ Masking genau die Merkmale verdeckt, nach denen Fachkräfte suchen. Ob Masking zu einer späteren Diagnose führt, ist bisher kaum untersucht, wenn auch plausibel. Der Übersichtsarbeit von Alaghband-Rad und Kolleg:innen (2023) zufolge hat nur eine Studie diesen Zusammenhang mit dem tatsächlichen Diagnosealter geprüft. Und diese eine Studie fand keinen Zusammenhang. Lai und Kolleg:innen (2017) fanden bei 60 autistischen Erwachsenen außerdem keinen Zusammenhang zwischen Camouflaging und Intelligenz. „Erfolgreiches“ Masking scheint damit eher eine Frage der Anstrengung als der kognitiven Fähigkeit zu sein.


Camouflaging kann zugleich Zugang zu Arbeit, Freundschaften, Partnerschaft und Alltag eröffnen und vor Mobbing und Ausgrenzung schützen. Bradley und Kolleg:innen (2021) berichten, dass viele Teilnehmende diese Zugänge ohne das Anpassen nicht bekommen hätten. Diese Schutzfunktion gehört für viele ebenso zur Erfahrung wie die Erschöpfung.


Gender und Camouflaging


Camouflaging wird in der öffentlichen Wahrnehmung oft an Frauen geknüpft, und Lai und Kolleg:innen (2017) fanden tatsächlich im Schnitt deutlich höhere Werte bei Frauen als bei Männern. Die Verteilungen überlappten sich gleichzeitig erheblich: Es gab Frauen mit niedrigem und Männer mit hohem Camouflaging.


Der Fokus auf Frauen ist vor allem für die formale Diagnostik wichtig, da diese mehr als Männer Gefahr laufen, „durchs Raster“ zu fallen. Auf der anderen Seite kann derselbe Fokus den Blick auf andere Gruppen auch verstellen. Camouflaging bei Männern und nichtbinären Personen wird in der Diagnostik möglicherweise seltener angesprochen, obwohl Lai und Kolleg:innen (2017) einen Zusammenhang zwischen Camouflaging und depressiven Symptomen nur bei den Männern ihrer Stichprobe fanden. Männliche Klienten sprechen ihr eigenes Masking seltener von sich aus an. Dadurch kann es in der Diagnostik unbemerkt bleiben. Wie sich dieses Muster bei Frauen konkret mit Erschöpfung und Fehldiagnosen verbindet, beschreibe ich ausführlicher in Autistisches Burnout bei Frauen.


Wie ich in der Beratung mit Camouflaging umgehe


Camouflaging aktiv anzusprechen gehört für mich früh ins Erstgespräch, unabhängig davon, wie unauffällig jemand im Gespräch wirkt. Ich frage etwa: „Gibt es Situationen, in denen Sie sich bewusst anpassen, um nicht aufzufallen?“ Diese Frage öffnet den Raum, ohne der Diagnose vorzugreifen. Bradley und Kolleg:innen (2021) fanden, dass 17 ihrer Befragten nach der Diagnose deutlich weniger camouflierten. Die Diagnose gab ihnen eine Erklärung und eine Erlaubnis. Dieser Moment kann damit bereits entlastend sein.


Ein Werkzeug, das ich in der Beratung nutze, ist eine Art Masking-Tagebuch. Klient:innen halten über ein bis zwei Wochen für jede bedeutsame Interaktion fest, was sie vorher vorbereiten, währenddessen beobachten und danach verarbeiten. Häufig zeigt sich dabei, dass das Nachbereiten eines dreißigminütigen Gesprächs viel länger als das Gespräch selbst dauert. Viele Klient:innen wissen um ihr Masking, registrieren aber kaum mehr, wie viele Ressourcen diese Leistung zieht, weil es beinahe ein Teil ihrer Identität geworden ist. Die notierten Zeiten machen den Zusammenhang zwischen Camouflaging und Erschöpfung an konkreten Zahlen sichtbarer.


Masking ist eine Strategie, die – wie viele neurodivergente Menschen sagen – nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch jetzt noch deren Überleben in der neurotypisch geprägten Umwelt sichert. In meiner Beratung geht es daher nicht um die Frage nach „Masking: ja oder nein“. Vielmehr suche ich mit meinen Klient:innen nach Räumen, in denen sie mehr sie selbst, mehr autistisch sein können, ohne Stigmatisierung und Ausgrenzung zu erfahren. Solche Räume sind, wenn auch anfangs vielleicht nur im Kleinen, oft schon vorhanden.


Zum Schluss


Ich schreibe über Camouflaging, weil es zu den autistischen Erfahrungen gehört, die von außen am schwersten zu erkennen sind. Camouflaging bleibt von außen oft unsichtbar. Wer sich „gut“ maskiert, wirkt unauffällig, funktional, vielleicht sogar souverän, auch wenn die dahinterliegende Anstrengung groß ist.

Wenn du beim Lesen etwas wiedererkannt hast, kannst du dafür mein Workbook nutzen. Du lernst meine Beratung dabei besser kennen und du kannst dort den erwähnten CAT-Q selbst ausfüllen. Er wird danach automatisch ausgewertet. Das Workbook ist kostenlos und deine Daten bleiben lokal in deinem Browser.


Quellen


  • Alaghband-Rad, J., Hajikarim-Hamedani, A., & Motamed, M. (2023). Camouflage and masking behavior in adult autism. Frontiers in Psychiatry, 14, 1108110. https://doi.org/10.3389/fpsyt.2023.1108110
  • Bradley, L., Shaw, R., Baron-Cohen, S., & Cassidy, S. (2021). Autistic Adults' Experiences of Camouflaging and Its Perceived Impact on Mental Health. Autism in Adulthood, 3(4), 320–329. https://doi.org/10.1089/aut.2020.0071
  • Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., & Mandy, W. (2017). “Putting on My Best Normal”: Social Camouflaging in Adults with Autism Spectrum Conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534. https://doi.org/10.1007/s10803-017-3166-5
  • Hull, L., Mandy, W., Lai, M.-C., Baron-Cohen, S., Allison, C., Smith, P., & Petrides, K. V. (2019). Development and Validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q). Journal of Autism and Developmental Disorders, 49(3), 819–833. https://doi.org/10.1007/s10803-018-3792-6
  • Lai, M.-C., Lombardo, M. V., Ruigrok, A. N. V., Chakrabarti, B., Auyeung, B., Szatmari, P., Happé, F., Baron-Cohen, S., & MRC AIMS Consortium. (2017). Quantifying and exploring camouflaging in men and women with autism. Autism, 21(6), 690–702. https://doi.org/10.1177/1362361316671012
  • Semmler, N., & Koch, N. (2025). Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q) — deutsche Version. adhs-erwachsene.net (Quelle der im Text zitierten Item-Wortlaute; an einer deutschen Stichprobe normiert, nicht peer-reviewed publiziert)


NEWSLETTER

Wenn Du auf dem Laufenden bleiben möchtest!

Du erhältst ein- bis zweimal im Monat:

  • Aktuelle Informationen zur Praxis
  • Orientierungs- und Infomaterial zu Autismus (PDFs)


Newsletter abonnieren
Futuristic tunnel with bright white ceiling lights and a reflective central walkway.
von Veasna Roth 31. August 2026
Monotropismus als Aufmerksamkeitsstil kann erklären, warum ein unangekündigter Themenwechsel für viele autistische Menschen mehr ist als eine kleine Störung.
Eine einsame Parkbank auf einem nebligen, leeren Feld unter einem blassgrauen Himmel.
von Veasna Roth 29. August 2026
Autismusgerechte Anpassung des Schema-Memos aus der Schematherapie. Wenn der Realitätsabgleich an der Realität scheitert. Arbeitsmaterial für autistische Erwachsene.
Two stacked stones on a sandy beach, with a small pebble balanced on top
von Veasna Roth 13. Juni 2026
Autistische Inertia, fachlich eingeordnet: Forschungsstand, Abgrenzung zu Prokrastination und Depression, und warum externe Struktur mehr hilft als Disziplin.