<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom" xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/" xmlns:g-custom="http://base.google.com/cns/1.0" xmlns:media="http://search.yahoo.com/mrss/" version="2.0">
  <channel>
    <title>22ac6484912249888ec8148b5b7429bf</title>
    <link>https://www.spektrum-muenster.de</link>
    <description />
    <atom:link href="https://www.spektrum-muenster.de/feed/rss2" type="application/rss+xml" rel="self" />
    <item>
      <title>Autistische Inertia</title>
      <link>https://www.spektrum-muenster.de/autistische-inertia-warum-anfangen-und-aufhoren-so-schwer-sind</link>
      <description>Autistische Inertia, fachlich eingeordnet: Forschungsstand, Abgrenzung zu Prokrastiantion und Depression, und warum externe Struktur mehr hilft als Disziplin.</description>
      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Warum Anfangen und Aufhören so schwer sind
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Du nimmst dir etwas vor — eine Erledigung, Care-Arbeit oder einfach aufzustehen — und es passiert trotzdem nicht. Oder du bist mittendrin, ganz versunken, und kommst nicht mehr heraus. Beides hat einen Namen: autistische Inertia. Dieser Artikel erklärt, was die Forschung dazu sagt und warum die üblichen Motivationsratschläge am Problem vorbeigehen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Vielleicht kennst du das, auch wenn du es bisher anders benannt hast: Du weißt seit zwei Stunden, dass du nur kurz aufstehen und eine Mail abschicken müsstest. Du hast den Text im Kopf. Es wäre eine Sache von fünf Minuten. Und trotzdem passiert es nicht. Du sitzt weiter da, leicht gelähmt, mit einer unterschwelligen Dringlichkeit, die aber nicht zur entsprechenden Handlung führt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Oder umgekehrt: Du hast dich in eine Arbeit vertieft — eine Recherche, ein Textprojekt, das Putzen der Küche — und merkst erst Stunden später, dass du weder gegessen noch getrunken oder eine Pause gemacht hast. Wenn du einmal eingetaucht und versunken bist, ist das Auftauchen mindestens genauso schwierig.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Beides gehört zu einem Konzept, welches die Autismusforschung zunehmend unter den Begriff autistische Inertia fasst.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Hinweis vorab: Dieser Artikel informiert, er ersetzt keine Diagnostik und keine Psychotherapie. Wenn es dir gerade sehr schlecht geht oder du Gedanken hast, dir etwas anzutun, wende dich bitte an die Telefonseelsorge (telefonisch: 116 123 oder per 
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://www.telefonseelsorge.de/" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Chat
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           ). Für Menschen unter 25 Jahren gibt es den 
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://www.krisenchat.de/" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Krisenchat
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           . Im Notfall wende dich bitte an die 112.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Was Inertia meint
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Im physikalischen Kontext beschreibt Inertia die Eigenschaft eines Körpers, seinen Bewegungszustand beizubehalten. Ruhe bleibt Ruhe und Bewegung bleibt Bewegung - bis eine äußere Kraft einwirkt und dadurch den Zustand verändert. In der autistischen Erfahrung beschreibt Inertia etwas Ähnliches: die Anstrengung, von einem Handlungszustand in einen anderen zu wechseln. Geprägt wurde der Begriff in der autistischen Community selbst — Martijn Dekker dokumentierte das Phänomen bereits 1999 in einem 
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://www.autscape.org/2015/programme/handouts/Autistic-Culture-07-Oct-1999.pdf" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Konferenzbeitrag
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
            für die Autism99-Online-Konferenz; die akademische Forschung hat erst Jahrzehnte später nachgezogen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Im Alltag wird Inertia häufig mit Dingen verwechselt, die anders funktionieren. Prokrastination im klassischen Sinne meint die Vermeidung einer unangenehmen Aufgabe; bei Inertia weiß die Person dagegen oft sehr genau, dass sie die Handlung möchte, und kommt trotzdem nicht in Bewegung. In der Studie von Ward und Kolleg:innen (2026) berichten die Teilnehmenden, dass auch Vorfreude und echtes Interesse das Anfangen nicht erleichterten. Auch die Gleichsetzung mit einem depressionsbedingten verminderten Antrieb führt in die Irre, obwohl die Phänomenologie auf den ersten Blick ähnlich scheint. Die Forschung behandelt Inertia als eigenständiges Phänomen, das von Prokrastination, Depression, Katatonie und Burnout zu unterscheiden ist (Ward et al., 2026).
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Diese Unterscheidung hat praktische Folgen. Gängige Herangehensweisen bei vermeintlicher Motivationsschwäche — sich Ziele setzen, Belohnungen strukturieren, an den Willen appellieren — adressieren ein anderes Problem.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Leben zwischen zwei Extremen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Lange existierte Inertia fast nur in Community-Texten. Inzwischen gibt es qualitative Forschung dazu. Buckle und Kolleg:innen (2021) befragten 32 autistische Erwachsene in Fokusgruppen; Ward und Kolleg:innen (2026) analysierten 501 Reddit-Threads mit fast 10.000 Kommentaren aus autistischen Online-Communities — eine deutlich größere Datenbasis als alle bisherigen Interview-Studien. Beide Studien kommen in der Beschreibung des Erlebens zu sehr ähnlichen Ergebnissen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das zentrale Muster: ein Leben zwischen zwei Extremen. Auf der einen Seite steht die inertiale Ruhe — das Anfangen fällt schwer, unabhängig davon, ob die Aufgabe lästig oder geliebt ist. Viele beschreiben eine Art Barriere zwischen Absicht und Bewegung, ein Gefühl, festzustecken oder gelähmt zu sein, obwohl die Motivation vorhanden sei (Ward et al., 2026). Auf der anderen Seite steht die inertiale Bewegung — wer einmal drin ist, findet schwer wieder heraus. Das kann sich als Flow anfühlen, als Zustand, in dem alles stimmt. Es kann aber auch bedeuten, dass Essen, Trinken, Schlaf und Termine wegfallen, weil der Ausstieg nicht gelingt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und es gibt einen dritten, oft übersehenen Punkt: den Wechsel selbst. Eine Person in der Studie von Ward und Kolleg:innen beschreibt, man könne nicht direkt vom Geschirrspülen zum Wäschewaschen übergehen — dazwischen liege ein eigener Arbeitsschritt namens „Aufgabe wechseln", und genau der koste die Energie. Übergänge sind in dieser Beschreibung selbst eine Anforderung mit eigenen Energiekosten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Reddit-Daten machen außerdem einen Zusammenhang sichtbar, der in der früheren Forschung nur am Rand auftauchte: einen Teufelskreis aus Inertia, Energie und Stimmung. Längere Phasen des Nicht-in-Gang-Kommens können Scham und gedrückte Stimmung auslösen, was das Anfangen weiter erschwert. Gelingt es dann, folgt häufig eine geladene Phase intensiver Aktivität — mit anschließendem Einbruch, den die Reddit-User:innen als Erschöpfung, Shutdown oder Vorstufe eines Burnouts beschreiben (Ward et al., 2026).
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn dir diese Schleife also bekannt vorkommt, dann darfst du dir aus diesem Text mitnehmen: Sie ist dokumentiert, wird erforscht und du bist damit nicht allein. Vor allem bist du weder faul noch undiszipliniert.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ein Befund aus beiden Studien verdient besondere Aufmerksamkeit. Der Ausstieg aus einem Inertia-Moment verläuft oft nicht über stärkere Selbststeuerung, sondern über einen externen Impuls: eine andere Person im Raum, eine veränderte Umgebung, eine Unterbrechung der aktuellen Konfiguration. Buckle und Kolleg:innen haben das schon im Titel ihrer Studie festgehalten — „No Way Out Except From External Intervention".
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zwei Erklärungsansätze
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Warum ist das so? Zwei theoretische Zugänge halte ich für aufschlussreich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Monotropismus (Murray, Lesser &amp;amp; Lawson, 2005) beschreibt einen Aufmerksamkeitsstil, bei dem die Verarbeitungsressourcen sehr intensiv auf wenige Interessen gerichtet werden. Murray und Kolleg:innen sprechen von einem Aufmerksamkeitstunnel: Was innerhalb des Tunnels liegt, wird mit hoher Schärfe wahrgenommen, was außerhalb liegt, kaum. Das erzeugt Tiefe, Expertise und die Möglichkeit von Flow. Es erzeugt aber auch einen hohen Aufwand beim Umschalten: Jeder Wechsel des Fokus' verlangt einem monotropen System mehr ab als einem polytropen, in dem viele Interessen gleichzeitig, aber mit geringerer Intensität wach sind. Inertia lässt sich aus dieser Perspektive als Begleiterscheinung monotroper Aufmerksamkeit verstehen — und auch Ward und Kolleg:innen ziehen Monotropismus als Erklärung für die hohen Energiekosten des Zustandswechsels heran.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Predictive Coding ist ein neurokognitives Modell, das Wahrnehmung und Handlung als kontinuierliche Vorhersage und deren Abgleich mit tatsächlich eingehenden Reizen versteht (Van de Cruys et al., 2014). Aus dieser Perspektive erzeugt jeder Übergang in eine neue Situation eine hohe Unschärfe zwischen Vorhersage und Realität. Nach meinem Verständnis muss das System dann die Realität mühsam aus den eingehenden Daten dechiffrieren, statt sich auf seine Vorhersagen zu stützen, und verbraucht dabei viele Ressourcen. Wichtig zur Einordnung: Ward und Kolleg:innen (2026) halten die kausale Beziehung zwischen Inertia und Predictive Coding ausdrücklich für noch ungeklärt. Beide Ansätze sind also als plausible Lesarten zu verstehen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie das meine Beratung verändert
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn mir in der Beratung jemand beschreibt, nicht starten zu können, obwohl der Wille da ist, dann frage ich zuerst nach dem konkreten Moment: Wie sieht er aus, der Punkt, an dem der Übergang ausbleibt? Was steht direkt vor dem blockierten Schritt — eine Entscheidung, eine Unsicherheit, ein Zustand, der gerade verlassen werden müsste?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und ich schaue mit der Person, welche externen Strukturen den Übergang erleichtern könnten: eine andere Person im Raum, eine feste Zeit, ein Ritual, ein Signal — wobei Letztere oft nur anzeigen, dass es jetzt losgehen soll, ohne den Schritt selbst anzustoßen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Und ich möchte wissen, was in der Vergangenheit funktioniert hat — war das eher eine innere oder eine äußere Lösung? Motivationsfragen, was jemand wirklich will und welche Werte dahinterstehen, stelle ich in diesem Zusammenhang so gut wie nie.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Forschung zu Bewältigungsstrategien deutet in dieselbe Richtung. In den Reddit-Daten berichten viele Nutzer:innen, dass externe Anstöße funktionierten: eine zweite Person im Raum beim Arbeiten („Body Doubling"), Erinnerungen und Zeitstrukturen, Verabredungen mit Verbindlichkeit nach außen. Gleichzeitig beschreiben sie die Grenzen dieser Werkzeuge — plötzliche Alarme könnten Angst auslösen, zu kleinteilige Pläne erzeugten selbst Überforderung (Ward et al., 2026). Es gibt also keine Einheitslösung; was hilft, muss individuell herausgefunden werden, und ein Teil der Antwort beinhaltet fast immer die Anpassung der Umgebung.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das bedeutet für dich: Du brauchst weder einen stärkeren Willen noch eine höhere Disziplin — sondern eine passendere Umgebung. Und die lässt sich gestalten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zum Schluss
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schreibe über Inertia, weil sie zu den autistischen Alltagserfahrungen gehört, die in der Öffentlichkeit häufig als Faulheit oder mangelnde Disziplin fehlgelesen werden. In den Studien tauchen genau diese Selbstvorwürfe wieder auf: Menschen, die sich „faul und dumm" nennen, weil sie nicht in Gang kommen (Ward et al., 2026). Die Fehletikettierung prägt, wie autistische Menschen sich selbst sehen — und welche Art der Unterstützung ihnen angeboten wird.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Falls du beim Lesen gemerkt hast, dass du genauer anschauen möchtest, wie du in Bewegung kommst und wieder herauskommst, kannst du dafür mein
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://forms.spektrum-muenster.de/workbook" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Workbook
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
            nutzen — um zu sehen, ob das Muster zu deiner Situation passt. Es ist frei zugänglich, ohne Anmeldung, und du musst dabei nichts entscheiden.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Und wenn du noch tiefer, in die Materie einsteigen möchtest, dann schau gerne in meine
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://research.spektrum-muenster.de/inertia/" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Forschungszusammenfassungen
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           zu dem Thema rein. Dort gehe unter anderem nochmal genauer auf die Unterscheidung zwischen Inertia und Prokrastination, Depression, Katatonie bzw. Burnout ein.
           &#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Quellen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;ul&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Buckle, K. L., Leadbitter, K., Poliakoff, E., &amp;amp; Gowen, E. (2021). „No Way Out Except From External Intervention": First-Hand Accounts of Autistic Inertia. Frontiers in Psychology, 12, 631596. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.631596" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.631596
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Dekker, M. (1999). On our own terms: Emerging autistic culture [Konferenzbeitrag]. Autism99 Online Conference.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://www.autscape.org/2015/programme/handouts/Autistic-Culture-07-Oct-1999.pdf" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://www.autscape.org/2015/programme/handouts/Autistic-Culture-07-Oct-1999.pdf
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Murray, D., Lesser, M., &amp;amp; Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1177/1362361305051398" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1177/1362361305051398
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Van de Cruys, S., Evers, K., Van der Hallen, R., Van Eylen, L., Boets, B., de-Wit, L., &amp;amp; Wagemans, J. (2014). Precise minds in uncertain worlds: Predictive coding in autism. Psychological Review, 121(4), 649–675. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1037/a0037665" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1037/a0037665
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ward, T., Popazov, S., Adams, J., Clapham, H., Lawson, W., Karaminis, T., &amp;amp; Pellicano, E. (2026). Understanding phenomenological experiences of autistic inertia using online community discourse. Communications Psychology, 4, 18.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
  &lt;/ul&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
      <enclosure url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-15550418-57066840.png" length="3962779" type="image/png" />
      <pubDate>Sat, 13 Jun 2026 17:56:51 GMT</pubDate>
      <guid>https://www.spektrum-muenster.de/autistische-inertia-warum-anfangen-und-aufhoren-so-schwer-sind</guid>
      <g-custom:tags type="string" />
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-15550418-57066840.png">
        <media:description>thumbnail</media:description>
      </media:content>
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-15550418-57066840.png">
        <media:description>main image</media:description>
      </media:content>
    </item>
    <item>
      <title>Autistisches Burnout bei Frauen*</title>
      <link>https://www.spektrum-muenster.de/autistisches-burnout-bei-frauen</link>
      <description>Autistisches Burnout bei Frauen wird häufig zunächst als Depression behandelt. Was dieses Muster erzeugt, was der Umweg kostet — und was aus der Spirale hilft.</description>
      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Jahrelang als Depression behandelt
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Seit ich meine Praxis im Januar 2026 eröffnet habe, fällt mir ein Muster auf: Unter meinen Klient:innen sind deutlich mehr Frauen und weiblich sozialisierte Personen, als die Diagnosequoten vermuten ließen. Häufig wird nach den ersten Gesprächen erkennbar, dass es um mehr geht als eine zunächst gestellte Diagnose wie Depression oder Angststörung.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Warum der Anteil an Frauen* so hoch ist, die meine Beratung aufsuchen, dazu habe ich zwei Vermutungen. Erstens: Frauen* suchen häufig frühzeitig — und rechtzeitig — medizinische oder psychologische Unterstützung auf, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt. Das ist eine wertvolle Ressource — es bedeutet oft weniger Verzögerung bei der ersten Kontaktaufnahme. Meine zweite Vermutung: Der Weg dieser Frauen* lief fast immer zuerst über andere als autismus-informierte Hilfen, bevor sie meine Beratung im Erwachsenenalter aufgesucht haben — vermutlich, weil Autismus bei Mädchen im Kindesalter häufiger übersehen wird und ein passender Rahmen für diese Erschöpfung damit von Anfang an fehlt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Was sie an Erschöpfung beschreiben, wird über Jahre als Depression oder Soziale Phobie behandelt, bevor es sich besser als Autistisches Burnout verstehen lässt. Dieser Umweg kann Jahre kosten, und ein Teil dessen, was bei Depression oder Angst hilft, kann bei Autistischem Burnout sogar kontraindiziert sein.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           In diesem Artikel geht es um diesen Weg: von der tiefen Erschöpfung über eine Diagnose, die zunächst nicht ganz passt, bis zu dem Punkt, an dem sich die Zusammenhänge erklären lassen — und zu dem, was dann tatsächlich hilft.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn die Diagnose Depression nicht mehr passt
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die folgende Beschreibung ist aus Gründen der Anonymisierung eine Zusammenstellung aus mehreren Beratungen mit Frauen*. Sie zeigt typische Muster, die mir wiederholt begegnen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Einige Dinge wiederholen sich in den Gesprächen. Eine Frau* Mitte vierzig kommt zu mir, kurz nachdem sie eine Autismus-Diagnose erhalten hat. Sie kämpft seit langer Zeit mit massiven Erschöpfungszuständen. Die Diagnose einer Depression kam Anfang dreißig; sie habe verschiedene Antidepressiva ausprobiert, aber keine nachhaltige Veränderung erlebt. Sie beschreibt sensorische Reize — Lichter, Geräusche, Gespräche, manchmal sogar Gerüche —, die ihr im Hintergrund permanent die Energie rauben, die sie eigentlich für ihre Arbeit benötige.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Dazu kommt noch etwas: Im Kontakt mit ihren Kolleg:innen funktioniere sie, mache sogar einen
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           echt guten Job
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            — aber hinterher sei sie völlig erledigt, und müsse trotzdem weitermachen. Für zwei Stunden Gespräche brauche sie eigentlich den restlichen Tag, um wieder zurechtzukommen; das Wochenende sei viel zu kurz, um sich wirklich zu erholen. Sie wisse nicht, wie sie aus diesem Kreislauf herausbrechen könne — sie habe verschiedene Unterstützungsformen probiert, nichts habe wirklich geholfen.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mir fällt über die Termine auf, dass die beschriebene Erschöpfung eine andere Ebene durchzieht, als bei einer genuinen depressiven Verstimmung zu erwarten wäre. Der Erschöpfungszustand bezieht sich mehr auf physiologische und energetische Komponenten als auf affektive. Die für eine Depression typische Anhedonie — der Verlust von Freude — ist nicht allumfassend: Meine Klientin* wiederholt immer wieder, wie sehr sie sich nach ihrem Spezialinteresse, dem Lesen und Schreiben von Gedichten sehnt, ihr aber schlicht die Energie fehle. Was sie beschreibt, ist eher eine tiefe Ausgelaugtheit. Mehr Schlaf schafft etwas Spielraum, reicht aber allein nicht aus. Ob eine Aktivität hilft oder erschöpft, hängt davon ab, was sie verlangt: Soziale Kontakte kosten auch dann, wenn sie gut laufen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Wenn ich gezielter nachfrage, inwiefern sie Gespräche vorbereitet oder ob sie währenddessen darauf achtet, auf eine bestimmte Art zu wirken, erhalte ich folgende Antwort: Ja, sie
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           arbeite
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            aktiv daran; sie bemühe sich, eine kohärente Persona aufrechtzuerhalten. Sie habe eine Art
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Arbeits-Ich
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           .
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Diagnostisch sind die letztgenannten Punkte besonders wertvoll. Was sie über Jahre als therapieresistente Depression eingeordnet hat, beschreibt vermutlich einen Zustand, für den der Rahmen der Depression von Anfang an nicht gänzlich gepasst hat.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn Erschöpfung wie Depression aussieht
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die eben beschriebene Erschöpfung — körperlich, energetisch, ohne globale Anhedonie — lässt sich von außen leicht für eine Depression halten, obwohl sie aus dem ständigen Funktionieren im Kontakt entsteht. Die Forschung zu autistischem Burnout erklärt etwas, das mir in diesen Fällen immer wieder begegnet: warum dieses Bild bei Frauen* so zuverlässig als Depression eingeordnet wird.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Autistisches Burnout wird in der Literatur als ein Zustand definiert, der durch chronische, langfristige Erschöpfung, Funktionsverlust und reduzierte Reiztoleranz charakterisiert ist und definitionsgemäß über mindestens drei Monate anhält:
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Having all of your internal resources exhausted beyond measure and being left with no clean-up crew"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            (Raymaker et al., 2020) —
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           die internen Ressourcen sind bis aufs Letzte aufgebraucht, und niemand räumt hinter einem auf
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           .
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Mantzalas, Richdale und Dissanayake (2022) beschreiben Burnout in ihrem Konzeptmodell als Ungleichgewicht zwischen persönlichen Anforderungen — Masking, sensorische Sensitivitäten, autistische Merkmale — und persönlichen Ressourcen wie Stimming, Spezialinteressen oder sozialer Unterstützung. Eine der zentralen dieser Anforderungen ist das Masking: das Verbergen autistischer Merkmale und das Kompensieren sozialer Schwierigkeiten durch intensives
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Self-Monitoring
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            und vorbereitete Gesprächsskripte (Hull et al., 2017). Es erschöpft, hinterlässt das Gefühl, nicht die wahre Version von sich selbst zu zeigen, und belastet die Identität. Wenn die Anforderungen die Ressourcen über lange Zeit übersteigen und gleichzeitig Entlastungsmöglichkeiten fehlen (Raymaker et al., 2020), kann Burnout entstehen, häufig in Phasen, die ohnehin viel verlangen – wie etwa Schulübergang, Berufseinstieg oder Schwangerschaft.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Solange dieses Ungleichgewicht nicht als das erkannt wird, was es ist, türmt sich die Last weiter auf — ohne angepasste Umgebungen, ohne das Verständnis, dass Masking erschöpft.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zwei Dinge verschieben das Bild bei Frauen*: wie die Erschöpfung von außen aussieht, und wer hinschaut.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Mantzalas et al. (2022) diskutieren als Hypothese, dass gesellschaftliche Rollenerwartungen an Frauen* den Masking-Druck erhöhen können. Meinem Verständnis nach werden dieselben Verhaltensweisen — wenig expressiver emotionaler Ausdruck, Direktheit, geringes Mitschwingen im Small Talk — bei Frauen* sozial häufiger als auffällig markiert als bei Männern — und nicht selten auch sanktioniert —, was den Anpassungsdruck strukturell verschärft.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Parallel dazu zeigt aktuelle Forschung aus Schweden (Fyfe et al., 2026) ein klares Bild: Das Geschlechtsverhältnis bei der Diagnose verschiebt sich mit dem Alter stark. In früher Kindheit kommen noch etwa drei diagnostizierte Jungen auf ein Mädchen; bei den 15- bis 19-Jährigen werden bereits mehr Frauen als Männer neu diagnostiziert. Über alle Altersgruppen bis Alter 20 zusammengenommen liegt das Verhältnis noch knapp auf Männerseite (etwa 1,2 zu 1). Bei Fortsetzung des Trends lautet Fyfes Projektion:
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „In Sweden, it may no longer be distinguishable by adulthood"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           . Die Forschenden lesen das vor allem als strukturelles Signal: Mädchen werden im Kindesalter systematisch zu selten erkannt. Biologische Unterschiede schließen sie nicht aus, bezeichnen die Evidenz dafür aber als gemischt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Diese Diagnose-Lücke erklärt das Muster, warum so viele Frauen* mit dieser Art der Erschöpfung zunächst eine Depressionsdiagnose erhalten — oft über Jahre, ohne dass jemand fragt, was meine Klientin im Gespräch beschreibt. Bei ihr hat es bis Mitte vierzig gedauert, bis dies einen Namen bekam. Die Jahre davor liefen unter der Diagnose Depression. Dieser Umweg kostet aber nicht nur Zeit.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Warum übliche Interventionen hier nicht passen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Typische Interventionen bei einer Depressionsdiagnose folgen meist folgendem Muster: mehr Zeit für Selbstfürsorge, klarere Grenzen, oft auch eine aktivierende Komponente — soziale Kontakte wiederaufleben lassen, den Alltag öffnen, Neues ausprobieren. Bei einer ausschließlichen Depression kann dies indiziert sein; Verhaltensaktivierung gehört dort zum Standard.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Genau hier wird bei einem Autistischen Burnout ein anderer Umgang erforderlich. Raymaker et al. (2020) und Mantzalas et al. (2022) beschreiben Burnout als Zustand, der entsteht, wenn Anforderungen die Ressourcen über lange Zeit übersteigen. Mehr Kontakt, mehr Aktivität, ein offenerer Alltag — das sind zusätzliche Anforderungen. In klinischen Konsenskriterien zu autistischem Burnout werden verhaltensaktivierende Ansätze ausdrücklich als
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           nicht empfohlen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            eingestuft und als
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           möglicherweise kontraindiziert
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            eingeordnet (Higgins et al., 2021). Der Umweg über die Depressionsdiagnose kostet also nicht nur Jahre — ein Teil dessen, was er vorschreibt, wirkt in diesem Fall in die falsche Richtung.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Was stattdessen hilft: der Weg aus dem Burnout
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Wenn die aktivierende Logik in die falsche Richtung deutet, stellt sich die Frage, was denn stattdessen hilft. Die Forschung nennt es
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Pacing
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            — Anforderungen an die aktuelle Belastbarkeit anpassen, in der eigenen Frequenz arbeiten: kleinere Einheiten und längere Pausen, ohne ein von außen gesetztes Wochentempo. Aus diesem Prinzip leite ich in der Beratung einen einfachen Selbsttest ab: eine Aktivität, die allgemein als hilfreich gilt — Sport, ein Treffen, ein Spaziergang —, ausprobieren und ein bis zwei Tage später den Energiestand prüfen. Sinkt er, statt zu steigen, ist das eine Information über die eigene Belastbarkeit, kein persönliches Versagen.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der erste Schritt ist dann oft eine deutliche Reduktion: Reize, Pflichten und soziale Kontakte werden für eine Weile radikal heruntergefahren. In der akuten Phase bildet dieses Vorgehen die Grundlage — ohne diese Entlastung greifen die weiteren Schritte meist nicht. Eine Krankschreibung ist dabei ein legitimer, häufig notwendiger Teil der Erholung.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Innerhalb dieser Reduktion bleibt Raum für eine bestimmte Art von Aktivität. Die Spezialinteressen wirken für viele wie ein Anker: Wer sich tief für Botanik, ein bestimmtes Videospiel oder eine historische Epoche interessiert, erholt sich durch die Beschäftigung damit oft spürbar. Diese Zeit gehört zur Erholung; wird sie als Vermeidung gedeutet, geht eine der wenigen verlässlichen Energiequellen verloren.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Daneben hilft sensorische Entlastung — die Reizlast senken, nicht erhöhen: eine veränderte räumliche Umgebung, Pausen, die bewusst vor der Überlastung liegen. Das hat einen Grund: Viele Autist:innen richten ihre Aufmerksamkeit tief auf wenige Dinge — was die Forschung als
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           monotropen Verarbeitungsstil
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            beschreibt (Murray et al., 2005). Umgebungen, die unterschiedliche Kanäle zum Verarbeiten gleichzeitig verlangen, überfordern diesen Stil schnell. In einer reizarmen, vorhersagbaren Umgebung kann derselbe Stil seine Stärke ausspielen — eine tiefe, beinahe expert:innenhafte Auseinandersetzung mit der Thematik der Wahl.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Der erste Schritt allein reicht meiner Erfahrung nach häufig nicht aus für nachhaltige Veränderung — er schafft Spielraum, aber die burnout-begünstigenden Bedingungen sind ohne den zweiten Schritt noch da. Wer aus der Erschöpfung herauskommt, ohne die Umgebung zu verändern, kehrt in dieselbe Konstellation zurück.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Sobald die akute Reduktion erste Spielräume schafft, lässt sich der zweite Schritt angehen: Umgebungsanpassung statt Willensanstrengung. Praktisch heißt das oft: Wochenarbeitsstunden (auch Care Work) reduzieren, weniger soziale Verpflichtungen, dazu konkrete Veränderungen wie eine reizärmere Wohnsituation, schriftliche Kommunikation oder klarere Strukturen am Arbeitsplatz.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Umgebungsanpassung schließt dabei auch Übergänge ein. In tiefer Konzentration treten Körpersignale in den Hintergrund — Hunger, Durst, der Moment für eine Pause —, und das Umschalten aus diesem Zustand fällt schwer (in der Forschung als
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           autistische Inertia
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            beschrieben; Buckle et al., 2021). Ein Wecker oder eine Liste allein funktionieren hier oft nicht, weil das Problem weniger beim Wissen liegt als beim Umschalten selbst. Verlässlicher wirkt eine äußere Struktur — eine andere Person, die einen realen Impuls gibt. Beim Starten wirkt das
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Body Doubling
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           ; beim Aufhören gilt dasselbe Prinzip, wenn der Stopp-Zeitpunkt vor der Konzentrationsphase sozial verankert ist: Eine Verabredung oder eine geteilte Pause macht das Aufhören zur sanften sozialen Verpflichtung.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Beide Schritte schaffen Spielraum. Die längerfristige Arbeit setzt dann tiefer an: das
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Unmasking
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            — das schrittweise Zurücknehmen des Maskings. Es lässt sich nicht per Entschluss ablegen, und es soll das auch nicht pauschal: Masking hat in vielen Situationen einen Zweck und einen realen Schutzwert, denn sichtbar autistisch zu sein, kann beruflich oder sozial reale Nachteile haben. Die eigentliche Arbeit ist deshalb eine laufende Abwägung, wie eine Art Bilanzlogik: In welchen Situationen ist Masking seinen Preis wert und in welchen weniger. Nach der Forschungslage hängt die Belastung weniger davon ab, wie intensiv gemaskt wird, als davon, wie viel Zeit insgesamt damit verbracht wird. Diese Arbeit ist oft langsamer als erwartet, weil viele Maskingroutinen unbewusst ablaufen und sich erst über Wochen zeigen.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Für Frauen*, die lange funktioniert haben, ist das oft die einschneidendere Einsicht als die Diagnose selbst: dass die Erschöpfung aus den Bedingungen kommt, unter denen sie gelebt haben — und dass sich an diesen Bedingungen etwas verändern lässt. Manches davon ist individuelle, Vieles aber ist strukturelle Arbeit. Denn solange Umgebungen so gebaut sind, dass dauerhaftes Masking der Preis für Teilhabe ist, bleibt ein großer Teil der Aufgabe gesellschaftlich.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Warum ich darüber schreibe
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schreibe über autistisches Burnout — und speziell über den Umweg, den so viele Frauen* zuerst über die Depressionsdiagnose nehmen — weil es ein Thema ist, das zu wenig Beachtung findet. Dieser Umweg hat konkrete Folgen: Jahre unter einer Diagnose, die nicht passte, und mit ihnen die Selbstzweifel, ob man überhaupt genug ist, um Hilfe in Anspruch zu nehmen.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn sich beim Lesen etwas für dich klar geworden ist oder wenn du jemanden in deinem Umfeld nun besser verstehst, dann freue ich mich. Wenn nicht, ist das auch okay.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;br/&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;strong&gt;&#xD;
      
           Ein Wort zur Sprache
          &#xD;
    &lt;/strong&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           . Ich schreibe hier von Frauen* und weiblich sozialisierten Personen, weil das, was ich beschreibe, weniger an der Geschlechtsidentität hängt als daran, welches Geschlecht einem Menschen bei der Geburt zugeschrieben wurde und wie er aufgewachsen ist. Das Sternchen meint diese weitere Lesart mit. Trans Männer, nichtbinäre und geschlechtsdiverse autistische Menschen können sich in denselben Mustern wiedererkennen. Die Studien, auf die ich mich beziehe, arbeiten fast durchgängig mit den Kategorien „Frauen" oder „weiblich"; differenziertere Untersuchungen, die etwa die Erfahrung von trans und nichtbinären autistischen Menschen eigens in den Blick nehmen, entstehen erst nach und nach. Wenn du dich in den Mustern hier wiedererkennst, in dem Wort „Frauen" aber nicht, dann ist dieser Text trotzdem für dich geschrieben.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Quellen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;ul&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Buckle, K. L., Leadbitter, K., Poliakoff, E., &amp;amp; Gowen, E. (2021). „No way out except from external intervention": First-hand accounts of autistic inertia. Frontiers in Psychology, 12, 631596. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.631596" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.3389/fpsyg.2021.631596
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Fyfe, C., Winell, H., Dougherty, J., Gutmann, D. H., Kolevzon, A., Marrus, N., Tedroff, K., Turner, T. N., Weiss, L. A., Yip, B. H. K., Yin, W., &amp;amp; Sandin, S. (2026). Time trends in the male to female ratio for autism incidence: Population based, prospectively collected birth cohort study. BMJ, 392, e084164.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1136/bmj-2025-084164" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1136/bmj-2025-084164
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Higgins, J. M., Arnold, S. R. C., Weise, J., Pellicano, E., &amp;amp; Trollor, J. N. (2021). Defining autistic burnout through experts by lived experience: Grounded Delphi method investigating #AutBurnout. Autism, 25(8), 2356–2369. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1177/13623613211019858" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1177/13623613211019858
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Hull, L., Petrides, K. V., Allison, C., Smith, P., Baron-Cohen, S., Lai, M.-C., &amp;amp; Mandy, W. (2017). "Putting on my best normal": Social camouflaging in adults with autism spectrum conditions. Journal of Autism and Developmental Disorders, 47(8), 2519–2534. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1007/s10803-017-3166-5" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1007/s10803-017-3166-5
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Mantzalas, J., Richdale, A. L., &amp;amp; Dissanayake, C. (2022). A conceptual model of risk and protective factors for autistic burnout. Autism Research, 15(6), 976–987. 
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1002/aur.2722" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1002/aur.2722
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Murray, D., Lesser, M., &amp;amp; Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism. Autism, 9(2), 139–156.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1177/1362361305051398" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1177/1362361305051398
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Raymaker, D. M., Teo, A. R., Steckler, N. A., Lentz, B., Scharer, M., Delos Santos, A., Kapp, S. K., Hunter, M., Joyce, A., &amp;amp; Nicolaidis, C. (2020). Having all of your internal resources exhausted beyond measure and being left with no clean-up crew: Defining autistic burnout. Autism in Adulthood, 2(2), 132–143.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;a href="https://doi.org/10.1089/aut.2019.0079" target="_blank"&gt;&#xD;
        
            https://doi.org/10.1089/aut.2019.0079
           &#xD;
      &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
  &lt;/ul&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
      <enclosure url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3320136.png" length="2065369" type="image/png" />
      <pubDate>Mon, 18 May 2026 18:19:50 GMT</pubDate>
      <guid>https://www.spektrum-muenster.de/autistisches-burnout-bei-frauen</guid>
      <g-custom:tags type="string" />
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3320136.jpeg">
        <media:description>thumbnail</media:description>
      </media:content>
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3320136.png">
        <media:description>main image</media:description>
      </media:content>
    </item>
    <item>
      <title>Mein Blick auf Autismus</title>
      <link>https://www.spektrum-muenster.de/mein-blick-auf-autismus</link>
      <description>Wie ich auf Autismus schaue – und warum das einen Unterschied macht. Ein Beitrag über Masking, Double Empathy und neurodiversitätsaffirmative Beratung.</description>
      <content:encoded>&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;h3&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Was Neurodiversitätsaffirmativität für mich bedeutet
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h3&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;&#xD;
&lt;div data-rss-type="text"&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Vor ein paar Tagen habe ich ein
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;a href="https://www.tes.com/magazine/teaching-learning/general/uta-frith-interview-autism-not-spectrum" target="_blank"&gt;&#xD;
      
           Interview
          &#xD;
    &lt;/a&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            im britischen Magazin TES gelesen, das mich nicht losgelassen hat.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Uta Frith, emeritierte Professorin am University College London und eine der einflussreichsten Autismusforscherinnen der letzten Jahrzehnte, hat sich darin zu steigenden Diagnosezahlen, dem Konzept des Autismus-Spektrums und zur Frage geäußert, wer eigentlich „wirklich" autistisch ist.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich habe das Interview mit echtem Interesse gelesen. Frith ist keine Randfigur – sie hat Grundlagenforschung geleistet, auf die sich das Feld bis heute bezieht. Aber ich habe es auch mit wachsendem Unbehagen gelesen. Denn einige der Aussagen darin spiegeln Annahmen wider, von denen sich die Forschung der letzten Jahre zunehmend entfernt – und von denen ich mich in meiner Arbeit bewusst abgrenze.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Dieser Beitrag ist mein Versuch, dies zu benennen. Und gleichzeitig zu erklären, wie ich auf Autismus schaue – konkreter, als es ein Bekenntnis zu „neurodiversitätsaffirmativem Arbeiten" allein leisten kann.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „The masking idea has no scientific basis"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das ist ein direktes Zitat aus dem Interview. Frith bezweifelt, dass Masking – das bewusste oder unbewusste Anpassen des eigenen Verhaltens an neurotypische Normen – ein valides Konzept ist. Ihre Begründung: Erschöpfung, die viele Betroffene beschreiben, könnte auch andere Ursachen haben. Und im Grunde maskierten wir alle.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Forschungslage sieht anders aus.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Hull et al. (2019) haben mit der Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q) ein valides Messinstrument entwickelt und zeigen, dass Camouflaging in engem Zusammenhang mit Depressivität, Suizidalität und dem Verlust eines stabilen Selbstkonzepts steht – Befunde, die durch nachfolgende Arbeiten und mehrere Reviews weiter gestützt wurden. Cook et al. (2021) diskutieren in ihrer systematischen Übersicht Masking als zentralen Faktor, der zu später oder verpasster Diagnose beiträgt – besonders bei Frauen und gender-diversen Personen. Mit Hull et al., Cook et al. und dutzenden weiterer quantitativer und qualitativer Studien gehört Masking inzwischen zu den am intensivsten beforschten Themen im Feld.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Was mich an dieser Stelle jedoch mehr beschäftigt als die Faktenlage, ist die Richtung des Arguments. Wenn jemand sagt:
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Ich erschöpfe mich täglich daran, so zu tun als ob"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            – und die Antwort lautet:
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           „Das können wir nicht objektivieren, also zählt es nicht"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            – dann wird gelebte Erfahrung systematisch aus dem Erkenntnisprozess herausgehalten. Darin liegt mein zentrales Unbehagen mit dieser Position.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wessen Wahrnehmung gilt als Maßstab?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Frith äußert im Interview die Sorge, dass Diagnostiker:innen heute zu stark auf „detailed interviews that provide a lot of subjective experience" setzen – und zu wenig auf „objective clinical observation". Als Indikator für Autismus nennt sie etwa, ob ein Gespräch sich „stilted or abrupt" anfühlt, oder ob jemand Ironie versteht. Gemeint ist: die Einschätzung des klinisch beobachtenden Gegenübers.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Hier wird etwas sichtbar, das die Forschung der letzten Jahre grundlegend herausgefordert hat.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Frith ist bekannt für ihre Mitentwicklung der
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Theory of Mind
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            – die Idee, dass autistische Menschen Schwierigkeiten haben, anderen mentale Zustände zuzuschreiben. Dieses Framework hat die klinische Praxis (und meine) jahrzehntelang geprägt – entwickelt von neurotypischen Forschenden über autistische Menschen, ohne ihre Beteiligung.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Damian Milton, selbst autistisch, hat 2012 das Double Empathy Problem formuliert: Der Kommunikationsbruch zwischen neurotypischen und neurodivergenten Menschen ist wechselseitig. Autistische Menschen zeigen unter sich hohe Verbundenheit und soziale Kohärenz – die Schwierigkeiten entstehen vor allem in gemischten Dyaden. Milton verortet die Schwierigkeiten im Mismatch zwischen unterschiedlich kalibrierten Systemen – und in der Frage, wer definieren darf, was als „normal" gilt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn Friths Forderung nach stärkerer Gewichtung klinischer Beobachtung in diesem Licht betrachtet wird, dann privilegiert sie neurotypische Wahrnehmung als Messinstrument für neurodivergentes Erleben. Eine neurotypisch kalibrierte Wahrnehmung erzeugt strukturell Vorhersagefehler, wenn sie auf autistische Ausdrucksweisen trifft – weil diese schlicht unerwartet sind. Ein neurologisch bedingter Verarbeitungsunterschied schlägt sich im klinischen Urteil nieder – oft ohne als solcher erkannt zu werden.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wer entscheidet, wer „wirklich" dazugehört?
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Frith argumentiert, das Spektrum sei „kollabiert" – zu weit geworden, zu wenig spezifisch. Ihr Vorschlag: das Label Autismus auf jene zu beschränken, die früh und mit deutlichen Einschränkungen diagnostiziert wurden. Spät Diagnostizierte – oft Frauen, oft ohne kognitive Beeinträchtigung, oft mit hoher sozialer Angst – sollten ihrer Ansicht nach besser unter einem anderen Label geführt werden.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich verstehe das Anliegen diagnostischer Präzision. Aber ich halte es für wichtig, zu benennen, was diese Position historisch bedeutet.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Lorna Wing und später Uta Frith haben durch ihre englischsprachigen Veröffentlichungen maßgeblich dazu beigetragen, dass ein Autismus-Bild, das auf einer Handvoll ausgewählter Jungen basierte, zum internationalen Standard wurde. Mädchen, die nicht in dieses Bild passten, wurden in Aspergers Klinik systematisch ausgeschlossen – mit Folgen, die weit über Diagnostik hinausgingen. Es ist der Ursprung einer Engführung, die bis heute nachwirkt: in Diagnoseinstrumenten, die Masking nicht erfassen; in Wartelisten, die vor allem für sichtbar „beeinträchtigte" Personen konzipiert wurden; in der Vorstellung, wer zum Kern und wer zur Peripherie des Spektrums gehört.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Frage, wer die Deutungshoheit über Kategorien hat, lässt sich nicht aus dem gesellschaftlichen Kontext herauslösen, in dem sie gestellt wird. Sie entscheidet darüber, wer Zugang zu Unterstützung bekommt, wessen Erschöpfung als real anerkannt wird, wessen Erleben als Datenpunkt zählt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wie ich arbeite – und warum das einen Unterschied macht
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Ich verwende den Begriff
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           neurodiversitätsaffirmativ
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            bewusst – und meine damit mehr als eine Haltung.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ausgangspunkt meiner Arbeit ist die Frage, was in einem Menschen vorgeht – nicht, ob sein Erleben einem diagnostischen Bild entspricht. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht, sobald man ernst nimmt, was die neuere Forschung zeigt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Monotropismus (Murray et al., 2005) beschreibt einen Aufmerksamkeitsstil, bei dem Ressourcen intensiv auf wenige „interests of focus" gerichtet werden. Dieser Stil bringt Tiefe, Expertise und Flow-Erleben mit sich – er erklärt aber auch, warum Übergänge, Unterbrechungen oder parallele Anforderungen so kostspielig sein können. Was von außen wie Sturheit oder Inflexibilität aussieht, ist oft der Ausdruck eines Systems, das beim Umschalten einen hohen Aufwand betreibt. Autistische Inertia – die Schwierigkeit, Handlungen zu initiieren oder zu unterbrechen – lässt sich gut mit Predictive-Coding-Modellen in Einklang bringen, wie sie Pellicano und Burr (2012) für autistische Wahrnehmung beschreiben: ein System, das stark auf eigene Vorhersagen setzt, reagiert auf unerwartete Anforderungen anders als eines, das kontinuierlich auf externen Input kalibriert.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Alexithymie – die Schwierigkeit, eigene Gefühle zu identifizieren und zu beschreiben – betrifft einen erheblichen Teil autistischer Erwachsener und wird im klinischen Alltag noch immer häufig übersehen oder mit Empathiemangel verwechselt, obwohl beide Konzepte klar trennbar sind. Wer seine eigenen Gefühle schwer benennen kann, wirkt nach außen manchmal flach oder unberührt – dabei ist das Gegenteil oft der Fall.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das verändert, was ich in einer Sitzung höre und welche Fragen ich stelle. Wenn jemand beschreibt, nach jedem Sozialkontakt tagelang erschöpft zu sein, denke ich nicht zuerst an soziale Phobie. Ich denke an den Aufwand, den ein neurotypisch ausgerichtetes Umfeld einem monotropen System abverlangt. Ich denke an Masking als chronische Erschöpfungsquelle, nicht als Copingstrategie. Und ich denke an die Frage, welche Kontexte für diese Person überhaupt tragfähig sind – nicht, wie sie sich besser anpassen könnte.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Das Double Empathy Problem hat auch eine direkte Konsequenz für die Beratungsbeziehung selbst. Ein neurotypisch kalibriertes Wahrnehmungssystem – meines eingeschlossen – erzeugt automatisch Momente, in denen autistische Ausdrucksweisen als unerwartet registriert werden. Was dabei entsteht, ist ein struktureller Verarbeitungsunterschied, der sich im klinischen Urteil niederschlagen kann. Die Frage ist, ob ich diesen Moment bemerke und meinen automatischen Schluss daraus zurückhalte – oder ob ich ihn ungeprüft als Aussage über mein Gegenüber behandle. In der Praxis verändert das die Sprache: weniger „Ich merke, dass dich das nicht bewegt" – mehr „Ich merke etwas, und ich bin nicht sicher, was es bedeutet. Was passiert bei dir gerade?"
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Die Person, die mir gegenübersitzt, ist Expertin ihrer eigenen Erfahrung. Meine Rolle ist, den Rahmen bereitzustellen, in dem diese Erfahrung eingeordnet werden kann – nicht, sie von außen zu bewerten.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Zum Schluss
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Frith hat das Feld geprägt. Und das Feld hat sich weiterentwickelt.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Ich schreibe diesen Artikel, weil Transparenz in der Beratungsarbeit für mich Voraussetzung ist. Wenn du zu mir kommst, solltest du wissen, auf welchen Annahmen meine Arbeit aufbaut – und von welchen sie sich bewusst entfernt hat.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Wenn das, was du hier gelesen hast, eine Sprache für etwas trifft, das du schon länger kennst, bist du vielleicht richtig bei mir.
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;h4&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      
           Quellen
          &#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/h4&gt;&#xD;
  &lt;p&gt;&#xD;
    &lt;span&gt;&#xD;
      &lt;br/&gt;&#xD;
    &lt;/span&gt;&#xD;
  &lt;/p&gt;&#xD;
  &lt;ul&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Hull, L., Mandy, W., et al. (2019). Development and validation of the Camouflaging Autistic Traits Questionnaire (CAT-Q).
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Journal of Autism and Developmental Disorders.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Cook, J., Hull, L., et al. (2021). Camouflaging in autism: A systematic review.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Clinical Psychology Review.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Milton, D. (2012). On the ontological status of autism: The 'double empathy problem'.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Disability &amp;amp; Society.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Murray, D., Lesser, M., &amp;amp; Lawson, W. (2005). Attention, monotropism and the diagnostic criteria for autism.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Autism.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
    &lt;li&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        &lt;span&gt;&#xD;
          
             Pellicano, E., &amp;amp; Burr, D. (2012). When the world becomes 'too real': A Bayesian explanation of autistic perception.
            &#xD;
        &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
      &lt;span&gt;&#xD;
        
            Trends in Cognitive Sciences.
           &#xD;
      &lt;/span&gt;&#xD;
    &lt;/li&gt;&#xD;
  &lt;/ul&gt;&#xD;
&lt;/div&gt;</content:encoded>
      <enclosure url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3541916.jpeg" length="152711" type="image/jpeg" />
      <pubDate>Fri, 27 Mar 2026 08:35:10 GMT</pubDate>
      <guid>https://www.spektrum-muenster.de/mein-blick-auf-autismus</guid>
      <g-custom:tags type="string" />
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3541916.jpeg">
        <media:description>thumbnail</media:description>
      </media:content>
      <media:content medium="image" url="https://de.cdn-website.com/35d48a784ab4418ba44d866260723e9d/dms3rep/multi/pexels-photo-3541916.jpeg">
        <media:description>main image</media:description>
      </media:content>
    </item>
  </channel>
</rss>
